Gießener Anzeiger

Wenn die Illusion der Rückkehr schwindet

19.03.2013 - KREIS GIESSEN

Migrantinnen diskutierten über Probleme des Älterwerdens in der Fremde – Selbsthilfe gruppe

(atb). Wenn jemand mit einer psychosomatischen Krankheit zu mir kommt, dann frage ich: „Wer trägt eine schwere Last“, berichtete die Expertin für Psychosomatik und Migrantenmedizin Dr. Secil Akinci während der Veranstaltung „(Alb-)Traum Lebensabend? Älterwerden in der Fremde“ im Netanya-Saal des Alten Schlosses in Gießen.

Sowohl bei deutschen als auch türkischen Frauen sind Depressionen und Angststörungen am verbreitetsten, sagte die Referentin. Weitere Themen der Betroffenen sind demnach sogenannte „Co-Morbiditäten“, dies können Wirbelsäulen- oder Blutdruckprobleme sein. Andere Hürden sind Verständigungsschwierigkeiten, geringe Bildung und dadurch höhere Arbeitslosigkeit, Verluste oder Trennungen.

Über das „Älterwerden in der Fremde“ sprach auch Isabel de Jèsus-Domicke. Sie berichtete vom Gefühl, fremd zu sein und lieferte Daten aus Untersuchungen. Nur eine knappe Mehrheit an Migratinnen lebe noch in Mehrgenerationenhaushalten. Diese seien, trotz möglicher familiärer Streitigkeiten und beengter Wohnverhältnisse, überwiegend zufrieden. Migrantinnen, die in Einpersonenhaushalten leben, seien dagegen überwiegend unzufrieden.

Silvia Ernst-Tijero sagte in ihrem Beitrag, es gebe nur mangelnde oder unklare Informationen über Hilfsangebote, Dienste und Einrichtungen. Viele Migrantinnen setzten sich zudem mit dem Älterwerden nicht auseinander, die Illusion der Rückkehr sei weg. Rituale, Religion und Gewohnheit ließen sich mit der Realität des Alters in einem fremden Land schlecht in Einklang bringen. Sie persönlich sei der Meinung, dass es dringend sei, in Gießen und im Landkreis Gießen die Versorgung, Begleitung und Betreuung für alternde Migrantinnen gezielt zu organisieren. Besondere Sorge mache der Bereich „Demenz“. Ernst-Tijero schlug eine Selbsthilfegruppe für Migrantinnen vor, die sich dem Thema Demenz alternder Migrantinnen widmet.

Veranstalter war der Arbeitskreis „Migrantinnen“ des Ausländerbeirates des Landkreises Gießen. Es moderierte Markèta Roska, Geschäftsführerin des Ausländerbeirates. Unter den rund 20 und vorwiegend weiblichen Teilnehmern verschiedener Herkunftsländer waren Vertreter verschiedener Institutionen wie „Katholische Frauen“ und „Demenzfreundliche Kommune“ vertreten


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Ich bin dement - na und?"

Im Berufsalltag als Konferenz-Dolmetscherin traf die 54-jährige Helga Rohra die Diagnose Demenz. Sechs Jahre sind seitdem vergangen. Sie wurde zu einer engagierten Aktivistin für Demenzkranke.

                                                            Autor: ULRIKE LUTHMER-LECHNER | 14.03.2013

"Demenz ist eine Diagnose, aber nicht das Ende des Lebens", sagt Helga Rohra aus München. Energisch spricht die gebürtige Rumänin im Katholischen Gemeindehaus St. Martinus in Donzdorf über ihre Erfahrungen und Ziele. Staunend hören der Referent des Dekanats Göppingen-Geislingen Felix Müller, Diakon Uwe Bähr und die Fachbereichsleiterin für Senioren im bischöflichen Ordinariat der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Christine Czeloth-Walter, was Helga Rohra umtreibt. "Demenz ist kein Problem des Alterns, es kann junge Menschen treffen." Sie nennt das Beispiel eines 17-jährigen Stuttgarters. Der zweite große Block seien die 27- bis 55-jährigen, dann erst folge die Masse der Senioren. 12,8 Millionen Menschen waren 2011 europaweit von Demenz betroffen, allein im Landkreis Göppingen rund 5000. Die Dunkelziffer der "Schattenkinder", derer, die keine Therapie annehmen wollen, liege bei etwa 30 Prozent. Sie selbst hat alle Höhen und Tiefen ihrer "Lewy-Body-Demenz" durchgemacht. Diese Demenzform äußert sich in optischen Halluzinationen. Sie war am Boden, stand wieder auf und kämpft. Zwar lebt sie von Hartz IV und geht neben der medizinischen Behandlung alternative Wege durch Training von Körper und Seele. "Die Medizin ist nur ein Teil, man muss selbst an seiner Alltagskompetenz arbeiten", sagt sie. Als erste Demenzbetroffene wurde sie in den Vorstand der Alzheimer-Gesellschaft in München gewählt, inzwischen engagiert sie sich in vielen fachspezifischen Verbänden deutschland- und europaweit. "Alle vier Sekunden wird auf der Welt die Diagnose Demenz gestellt, wir sind darauf nicht vorbereitet", appelliert sie in Richtung Gesetzgeber. Wie schwierig sich die Krankheit für Betroffene und deren Angehörige im Alltag darstellt, macht sie deutlich. "Alle Türen sind geschlossen", weiß sie aus Erfahrung. "Menschen mit Demenz müssen Hürden in unserer Gesellschaft überwinden, dabei stecken noch Potenziale in ihnen". Sie selbst macht es vor: Dolmetschen kann sie nicht mehr, aber E-Mails schreiben, reisen und Vorträge halten. "Je länger die Krankheit da ist, umso stärker wird der Mensch", behauptet Helga Rohra. "Angehörige in Deutschland haben keine Lobby, sie sind auf sich alleine gestellt", bemängelt die couragierte Frau und fordert Unterstützung vom Staat. Der Demenz-Ausweis müsse einheitlich werden, ein Stempel "D" müsse ebenso wie "G" für gehbehindert möglich sein. Außerdem gebe es kein Pflegegeld. "2012 wurde eine Allianz für Demenz gegründet, jedoch ohne Beteiligung von Betroffenen und Angehörigen, wie soll man da den Blick öffnen und zukunftsorientiert arbeiten", übt sie Kritik.

Im vollbesetzten Saal im Katholischen Gemeindehaus hält Helga Rohra anschließend einen Vortrag: "Ich bin dement - na und?"

Info Demenz ist gekennzeichnet durch den fortschreitenden Verlust bereits erworbener Denkfähigkeiten. Kurzzeitgedächtnis, Denkvermögen, Sprache, Motorik und auch Persönlichkeit verändern sich. Ratsuchende finden Hilfe unter Telefon: 089 71049698 (Beratungstelefon Alzheimer).

25. Februar 2013 10:37 Augsburger Pflegeheim lehnt Bestnote ab

"Da geht es nur um Macht und Geld"Alten- und Pflegeheim

Alte Menschen im Pflegeheim: Viele Einrichtungen buhlen um gute Noten - häufig sind diese aber nicht gerechtfertigt.(Foto: dpa

Ärger über die Bestnote: Armin Rieger leitet in Augsburg ein privates Pflegeheim und hat vom "Pflege-TÜV" schon mehrmals hervorragende Noten bekommen. Davon hat er jetzt genug. Rieger hält die Bewertung für glatte Verbrauchertäuschung - und legt sich mit seiner Branche an.


Von Dietrich Mittler

In der Pflegebranche hat Armin Rieger seinen Ruf weg. Der Mittfünfziger, dessen Augen kämpferisch hinter seiner blauen Brille hervorlugen, ist durch und durch Rebell. Und ein erfolgreicher noch dazu. Zweimal bereits hat sein Heim - das Haus Marie in Augsburg - vom sogenannten Pflege-TÜV des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) Traumnoten bekommen, bei der zweiten Heimvisite gar eine 1,0. Und jedes Mal hätte Rieger da am liebsten laut aufgeschrien, nicht vor Freude, sondern vor Wut. "Der Pflege-TÜV ist nichts anderes als die Legalisierung des Betrugs", sagt er. Bewusst sucht Rieger jetzt die Eskalation. Er teilte den Prüfern des MDK klipp und klar mit: "Ich will keine gute Note von euch."

Damit aber nicht genug: Als sie vor kurzem das Haus Marie aufsuchten, verweigerte er ihnen gar die Herausgabe eines Ordners. Der enthielt zwar keine Geheimnisse, sondern lediglich längst bekannte Angaben - wie etwa die Zeiten, wann es im Haus Frühstück oder Mittagessen gibt. Aber dieser Akt des Ungehorsams brachte die Mitarbeiter des MDK offenbar reichlich ins Schwitzen: "Da sind, glaube ich, die Telefone heiß gelaufen", freut sich Rieger. Auf jeden Fall bekam er - wie gewünscht - eine schlechte Note, eine 3,6. "Damit leite ich nun vermutlich das am schlechtesten bewertete Heim in ganz Bayern", sagt er.

"Das ist eine glatte Verbrauchertäuschung"

Laut Rieger liegt der Notendurchschnitt für die etwas mehr als 1700 Altenheime im Freistaat derzeit bei 1,3. Er sieht darin eine Farce. "Das ist eine glatte Verbrauchertäuschung", sagt er. Rieger ist zwar nicht der Einzige, der die Noten des MDK anzweifelt. Auch Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer hat im Herbst 2012 erklärt, dass die Pflegenoten "nicht die tatsächliche Situation in den Einrichtungen" widerspiegeln, und ausgewiesene Wissenschaftler kritisieren, das Verfahren sei "methodisch fragwürdig" und bei der Auswahl eines geeigneten Pflegeplatzes wenig hilfreich.

Problematisch ist nach Meinung des Sozialministeriums vor allem, dass schlechte Noten in einem Bereich mit guten Noten in einem anderen ausgeglichen werden könnten - etwa Pflegemängel durch die Lesefreundlichkeit der Speisekarte. "Das muss man doch demaskieren", ereifert sich Rieger. Die Realität sei: Wer seinen Pflegekräften auf die Finger schaue - "nicht ob sie gut pflegen, sondern ob sie gut dokumentieren" -, der bekomme die Note eins. Und dann wird Rieger knallhart, als er auf seine Anfänge in der Pflegebranche zu sprechen kommt: "Ich war völlig überrascht, wie es in der Pflege zugeht. Da gibt es weder etwas Christliches noch etwas Wohltätiges. Da geht es nur um Macht und Geld." Damit macht er sich nicht beliebt.

Klartext im Landtag

Mit guten Noten vom Pflege-TÜV lässt sich Geld verdienen. Das ergab etwa eine Blitzumfrage der Contec-Gesellschaft für Organisationsentwicklung. Demnach gaben zehn Prozent der befragten Einrichtungen an, die Heimbelegung habe sich nach der Veröffentlichung der positiven Ergebnisse verbessert. Folglich wird fleißig damit geworben. Die Innere Mission München etwa lanciert in Pressemitteilungen Botschaften wie: In allen bisherigen MDK-Benotungen seien die eigenen Häuser "immer deutlich über dem jeweils aktuellen bayerischen Durchschnitt gelegen".

Rieger, der sich seine 3,6 geradezu erzwungen hat, vertraut darauf, dass er solche Werbung nicht braucht. "Wir sind so ausgebucht, dass wir Leute abweisen müssen", sagt er. Am Dienstag will er im Landtag beim Pflegesymposium Klartext reden: Es gebe Gründe, die Mängel in der Pflege nicht zu hoch zu bewerten und lieber Bestnoten zu verteilen: "Sonst müsste der MDK nämlich zu seinem eigenen Auftraggeber, den Kassen, sagen: Ihr müsst den Heimen mehr Personal zur Verfügung stellen", sagt Rieger.

Health&Care Management

Schlechte Deutschkenntnisse: Klinik verweigert Chance auf Organ

Weil er kaum Deutsch sprach, sollte ein kurdischer Patient nicht auf die Warteliste für ein Spenderherz. Der 61-Jährige, der seit 13 Jahren in Deutschland lebt, kämpft nun um Entschädigung.

Schlechte Deutschkenntnisse: Klinik verweigert Chance auf Organ
Bild: Stefan Rajewski (Fotolia.com)

Die 2. Kammer des Ersten Senats hat einer Verfassungsbeschwerde gegen die Versagung von Prozesskostenhilfe stattgegeben. Die Karlsruher Richter rügen, die Fachgerichte hätten die Grundrechte verletzt, weil sie schwierige und bislang ungeklärte Rechtsfragen bereits im Prozesskostenhilfeverfahren entschieden sowie eine ernsthaft in Betracht kommende Beweisaufnahme abgeschnitten hätten. So sei bereits formal die Ermächtigung der Bundesärztekammer zum Erlass von Richtlinien fraglich. Inhaltlich sei zu prüfen, ob die unzureichende Mitwirkung des Patienten zu einer Kontraindikation tatsächlich gegen die Aufnahme in eine Warteliste führen kann, wie es die Richtlinien feststellten. Soweit diese vorsähen, dass die unzureichende Mitwirkung des Patienten auch auf sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten beruhen könne, ließe das etwa die Möglichkeit außer Acht, einen Dolmetscher hinzuzuziehen, erklären die Verfassungsrichter.

Es sei "diskriminierend, wenn ein Patient nur deshalb kein Organ bekommen soll, weil er nicht ausreichend Deutsch spricht", sagt der Rechtsanwalt des kurdischen Patienten Medienberichten zufolge. Natürlich müsse der Arzt kommunizieren können. Das wäre aber mit einem Dolmetscher "problemlos möglich gewesen". Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, begrüßt den Beschluss. Die Bundesverfassungsrichter hätten die Möglichkeit geschaffen, die Kriterien für die Warteliste gerichtlich zu überprüfen, sagt er. Es gehe um "die Verteilung von Lebenschancen".

Das Krankenhaus hatte die Ablehnung damit begründet, dass aufgrund gravierender Verständigungsprobleme die Mitwirkung des Patienten bei der Vor- und Nachbehandlung, der Compliance, nicht gesichert sei. Nun muss das Oberlandesgericht erneut über die Prozesskostenhilfe entscheiden. Danach kann Schmerzensgeldklage beim Landgericht eingereicht werden.

BVerfG, Beschluss vom 28. Januar 2013, Aktenzeichen: 1 BvR 274/12

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Neues Café: Angebot für Demenzerkrankte mit Migrationshintergrund


PELKUM - Alternde Migranten mit Demenz sind eine schnell wachsende Gruppe. Pflege- und Betreuungsangebote sind allerdings kaum auf ihre speziellen Bedürfnisse vorbereitet. Die Grünen Damen und Herren Hamm haben dieses Problem erkannt.

© Wiemer


Verena Krekeler (rechts) stellte jetzt das Konzept des Café Bahar vor. Eine der elf türkischstämmigen Mitarbeiter wird Aynur Arslan sein.

„Café Bahar“ heißt das Angebot, das sich an Menschen mit Migrationshintergrund und Demenz richtet. Es findet ab dem 5. September immer mittwochs in der Zeit von 14.30 bis 17.30 Uhr im Seniorenzentrum „Fünf Wände“ an der Heinrichstraße 10 statt.

„Bahar heißt Frühling und vermittelt etwas Positives“, erklärt Verena Krekeler die Namensfindung für dieses bislang einmalige Angebot in Hamm für Demenzerkrankte und für Menschen mit Krankheiten, bei denen Demenz als Begleiterscheinung auftritt. Die Gerontologin ist Koordinatorin der Hammer Grünen und Damen, ein Besuchsdienst. Mit Einrichtung dieses wöchentlichen Treffs erweitern die Grünen Damen und Herren ihr Angebot – und den Stab ihrer Mitarbeiter. Weil sich das Café Bahar nämlich vorzugsweise an Menschen mit türkischen Wurzeln richtet, wurden bereits elf türkische Mitarbeiter geschult, um die Gäste des Cafés zu betreuen. Krekeler betont, dass aber auch Menschen mit anderer Herkunft im Café willkommen sind. Weil sich das Betreuungs-Angebot an ausländische Menschen richtet, wird auch das Rahmenprogramm für die Senioren entsprechend angepasst. Statt Kaffee wird zum Beispiel Tee gereicht. An der Wand wird ein Teppich hängen. Auch Möglichkeiten für Gebete wird es geben. „Viele Frauen haben früher zum Beispiel Handarbeiten gemacht, so etwas werden wir auch anbieten“, stellt Krekeler eines der wichtigsten Ziele heraus: Fähigkeiten erhalten.

Informationen und Anmeldung bei Verena Krekeler unter Telefon 8 76 78 40 oder bei Aynur Arslan unter 0 172/1 42 68 93 (türkisch).

Auch sprachliche Veränderungen der Senioren sind die Mitarbeiter vorbereitet. „Viele haben die deutsche Sprache sehr spät erlernt. Weil aber das Kurzzeitgedächtnis als Erstes aussetzt, verstehen sie plötzlich nur noch türkisch“, bringt Krekeler das Problem auf den Punkt, mit dem deutsche Demenzerkrankte so nicht zu kämpfen haben.

Das Café Bahar wird es einerseits geben, um die Erkrankten zu aktivieren und zu unterhalten. Auf der anderen Seite steht aber auch die Entlastung der Angehörigen, die in vielen Fällen die Pflege übernommen haben, im Vordergrund. Die Kosten für die Teilnahme am Café übernimmt die Pflegeversicherung. Die Grünen Damen und Herren beraten die Angehörigen diesbezüglich.

Eingeweiht wird das Café am Mittwoch, 5. September, in der Zeit von 14.30 bis 17 Uhr. Krekeler rät den Angehörigen, die Erkrankten bei ihrem ersten Besuch zu begleiten und während dieser Zeit im besten Fall vor Ort zu bleiben. „Das ist etwas Neues für Erkrankte, eine ungewohnte Umgebung“, so Krekeler. Durch Anwesenheit vertrauter Menschen würde den Senioren so genügend Sicherheit vermittelt werden. - rh

 

 

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INTERKULTURELLE PFLEGE

Die vergessenen Dementen

Alternde Migranten mit Demenz sind eine schnell wachsende Gruppe. Das Pflegesystem ist allerdings kaum auf ihre speziellen Bedürfnisse vorbereitetVON KAREN GRASS

Mehr Aufmerksamkeit nötig: Maltherapie im Alter Bild:  dpa

Als sie erzählte, dass sie ihre demente Mutter in Pflege geben will, hatten viele Freunde und Verwandte dafür kein Verständnis. "Die haben gesagt: Du musst sie doch zu Hause behalten und da pflegen. Das bisschen Vergesslichkeit ist doch ganz normal", sagt Nerinan Adalan. Doch die 50-jährige gebürtige Istanbulerin setzte sich durch und brachte ihre Mutter Binnaz Adalan 2009 in die Wohngemeinschaft des interkulturellen Pflegedienstes Medicus in Wedding. "Jetzt ist alles besser, hier geht es ihr gut", sagt Nerinan Adalan. "Aber vorher musste ich erfahren, dass viele meiner Landsleute zu stolz sind, um Demenz als eine tatsächliche Erkrankung zu akzeptieren."

Dass die Demenz eines Angehörigen tabuisiert wird, sei in jeder Familie ein Problem, sagt Derya Wrobel. Die Leiterin des Informationszentrums für demenziell und psychisch erkrankte Migranten (IdeM) stammt selbst aus der Türkei. "Doch bei türkischen und arabischstämmigen Familien ist dies noch ausgeprägter der Fall - bis hin zu der Situation, dass sie gar keine Hilfe suchen", sagt Wrobel. Nur wenige Pflegeeinrichtungen seien auf die speziellen Bedürfnisse ihrer Landsleute und anderer Migranten vorbereitet - etwa darauf, den Verlust einiger geistiger Funktionen gegenüber einer türkischen Familie nicht einfach "Demenz" zu nennen,weil dieser Begriff häufig mit "Idiotie" übersetzt wird.

Ursprünglich leitete Wrobel eine Beratungsstelle für türkische Pflegebedürftige beim Sozialverband Berlin-Brandenburg (VdK). Ihr fiel auf, wie früh viele ratsuchende TürkInnen bereits mit Fällen von Demenz konfrontiert waren und dass wenige damit umgehen konnten. Als bei der Vorstellung der Pflegereform der Bundesregierung 2003 das Thema Migrationshintergrund und Demenz nicht einmal erwähnt wurde, gründete Derya Wrobel ihr eigenes Informationszentrum als Projekt beim (VdK). Es war die erste Beratungsstelle in Deutschland, die speziell auf demente Migranten ausgerichtet ist.

Spezielle Angebote

Das überrascht im Rückblick, denn viele der hauptsächlich türkischen und italienischen Gastarbeiter aus den 60er Jahren kommen jetzt in ein Alter, in dem sich Erkrankungen dieser Art häufen. Und: Die ausländischen Senioren sind laut Schätzungen des Statistischen Bundesamtes eine der Bevölkerungsgruppen, die am schnellsten wachsen. "Diese Menschen brauchen Angebote, die auf ihre kulturellen Bedürfnisse und Besonderheiten eingehen", sagt Wrobel. "Darauf sind wir auch in Berlin nicht vorbereitet."

In dem Altbau, in dem der Pflegedienst Medicus seine interkulturelle Wohngemeinschaft eingerichtet hat, sitzt Binnaz Adalan mit Mitbewohnern aus Indonesien, Deutschland, Algerien, dem Libanon und der Türkei am Küchentisch. Alle zwölf Bewohner des Hauses sind geistig behindert oder dement, nicht alle können Deutsch. So auch die 75-jährige Adalan. Die gelernte Näherin erzählt, sie habe bis zur Rente vor zehn Jahren in einem Bekleidungsgeschäft am Kudamm gearbeitet und ein bisschen Deutsch gelernt. Doch seit ihre Demenz vor acht Jahren einsetzte, hat sie das wieder verlernt. "Mir fallen oft Worte nicht mehr ein", übersetzt die stellvertretende Pflegedienstleiterin Vijdan Kocak.

Ohne Angehörige

Noch mehr Sorgen macht sich die examinierte Altenpflegerin um Armad Sanjoto aus Indonesien: Er hat keine Angehörigen mehr in Deutschland. Der 75-Jährige muss immer öfter daran erinnert werden, dass niemand um ihn herum seine Muttersprache versteht. Das Pflegeteam ist größtenteils auf türkische und arabische Bewohner eingestellt. Sanjotos Deutsch wird indes immer lückenhafter.

Seine Probleme sind symptomatisch für Demenzerkrankte mit Migrationshintergrund. Da bei ihnen das Kurzzeitgedächtnis nachlässt, haben die meisten Betroffenen Probleme, sich auszudrücken. Insofern ist der Sprachverlust keine Besonderheit von Patienten mit Migrationshintergrund. Doch er wirkt sich gravierender aus bei der Zweitsprache, die weniger gut im Langzeitgedächtnis verankert ist als die Muttersprache. Die Betroffenen vergessen massenhaft Worte, fühlen sich wieder hilflos, von der Umwelt abgeschnitten - es ist fast dieselbe Situation wie bei ihrer Ankunft in Deutschland vor mehr als 40 Jahren.

Viele Spätfolgen

Die letzte umfassende Studie über Demenz bei Menschen mit Migrationshintergrund stammt aus dem Jahr 2000, insgesamt gibt es kaum Forschung in diesem Feld. Obwohl sich nun, 50 Jahre nach Inkrafttreten des Anwerbeabkommens, viele Spätfolgen der Arbeitsmigration zeigen. Nach Einschätzung von Kocak ist die psychische Belastung im Zusammenhang mit Migration der Grund dafür, dass zugewanderte Senioren im Schnitt einige Jahre früher dement werden als deutsche: "Wenn ich eine deutsche Frau mit einer gleichaltrigen Türkin vergleiche, sieht diese meist älter, verbrauchter aus", sagt Kocak. "Man sieht ihre Einwanderungsgeschichte förmlich in ihrem Gesicht, weil Isolation und prekäre Arbeitsbedingungen sie stark belastet haben."

Heute isoliert der Sprachverlust die Betroffenen erneut und führt im Kontakt mit deutschen Ärzten zu Missverständnissen und Fehldiagnosen. Wenn die Betroffenen überhaupt Hilfe suchen. Sie erlebe selten, dass die Menschen einfach so zu ihr kommen, sagt Derya Wrobel vom Informationszentrum IdeM. Sie arbeite viel mit Aktionen in Gemeinden, in Kooperation mit muttersprachlichen Arztpraxen und mit Medien wie Hürriyet oder dem türkischen Radiosender Metropol fm. "Es braucht niedrigschwellige, eher mündliche Angebote, damit man die Leute erreicht", sagt Wrobel.

Davon ist auch Olivia Dibelius überzeugt. Doch es gebe zu wenig dieser Angebote, sagt die Professorin für Pflegewissenschaft an der Evangelischen Hochschule Berlin. Sie führt gerade ein Forschungsprojekt zu Demenz bei Menschen mit Migrationsgeschichte durch. Die Belange von Migranten in der Pflegeberatung würden nicht ausreichend mitgedacht, so Dibelius. Sie kritisiert vor allem die Ausrichtung der 26 so genannten Pflegestützpunkte, die seit 2009 erste Anlaufstelle für Pflegebedürftige und deren Angehörige sein sollen. Die Stützpunkte werden vom Land Berlin und den Krankenkassen getragen. Sie sind Teil des 2008 vom Bundestag verabschiedeten Pflegegesetzes und sollen auf besondere gesellschaftliche Anforderungen vor Ort eingehen. "Das klingt erst mal schön, aber in der Umsetzung hakt es", sagt Dibelius. Das zeige sich schon daran, dass die Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund in dem Konzept nicht einmal gesondert erwähnt werde.

Schwer zu erreichen

"Wir sind uns bewusst, dass wir viele Menschen mit Migrationshintergrund noch nicht erreichen", sagt Claudia Gorny, Teamleiterin von fünf Pflegestützpunkten unter der Trägerschaft der AOK Nordost. Deshalb arbeite man vor allem an Netzwerken: Selbsthilfeorganisationen oder Nachbarschaftsinitiativen sollen darin eingebunden werden. "Aber speziell für Migranten konzipierte Beratung wird es nicht geben", betont Gorny. Die meisten kämen ohnehin mit einem Angehörigen, der übersetzen kann, und dass andere Personen für die Betroffenen sprechen, sei auch bei deutschen Senioren die Regel. "Mit gesonderten Angeboten würden wir ,die Migranten' über einen Kamm scheren und nicht mehr individuelle Fälle bewerten", sagt Gorny. Das sei Diskriminierung.

Derya Wrobel von IdeM möchte auch auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Klienten eingehen. Doch sie hat in ihrer täglichen Arbeit oft erlebt, wie türkische und arabische Familien ihre erkrankten Angehörigen noch weiter von der Außenwelt isolieren. Laut Wrobel könnten viele Einwanderer der zweiten Generation, die noch in ihren Herkunftsländern geboren wurden, Demenz tatsächlich schwerer akzeptieren als deutsche Familien. "Das kann man nicht pauschal sagen, ich will meine Landsleute nicht diskriminieren", sagt Wrobel. Doch es gebe kulturelle Unterschiede, die man nicht leugnen könne: Vor allem ältere Migranten mit geringem Bildungsstandard sähen Demenz als Gottesstrafe an - ähnlich wie Wrobel es bei Projekten in der Türkei und Arabien erlebte. Die studierte Sozialarbeiterin vermeidet deshalb das Wort bei ihren Beratungsstunden. "Umschreibt man die Symptome wie Vergesslichkeit oder Koordinationsschwierigkeiten, die das Familienleben auch maßgeblich belasten, finden sich die Angehörigen meist viel eher darin wieder", sagt sie. Dann könnten sie sich auch eher auf vorhandene Angebote einlassen. "Am Ende sind die Leute richtig erleichtert", berichtet Wrobel aus ihrem Berufsalltag.

Lesungen und Musik

Das Pflegeteam bei Medicus kommuniziert auf Französisch, Deutsch, Arabisch und Türkisch mit den Bewohnern. Somit sorgen die hauptsächlich türkischen und arabischen Mitarbeiter dafür, dass die Bewohner nicht im monokulturellen Raum leben. Binnaz Adalans Zustand hat sich dadurch seit Beginn ihrer Erkrankung zwar nicht verbessert. Meist liegt die türkischstämmige Seniorin in ihrem Zimmer im Erdgeschoss der Medicus-WG. Doch zweimal die Woche besucht Adalan auch kulturelle Angebote des Pflegedienstes außer Haus. "Besonders gut gefallen ihr die wöchentlichen türkischen und deutschen Lesungen und Musikstunden, die Medicus anbietet", sagt ihre Tochter. "Da hört sie Bekanntes und Unbekanntes und blüht wieder ein bisschen auf."

 

Gießener- Anzeiger

Wegweiser für ein noch lebenswerteres Gießen

15.12.2012 - GIESSEN

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz nimmt Entwurf des Altenhilfeplans entgegen - „Jetzt ist die Stadt in der Lage, zu sagen, was geht und was nicht“

(fm). „Dieser Plan wurde mit sehr viel Kompetenz und Herzblut erstellt“, sagte Oberbürgermeisterin (OB) Dietlind Grabe-Bolz bei der Entgegennahme des Altenhilfeplan-Entwurfs im Pausenraum des Rathauses. Einig war sie sich mit Projektkoordinatorin Friederike Stibane, dass der in einem partizipatorischen Verfahren entstandene Plan Wege aufzeigt, „um Gießen für ältere Menschen noch lebenswerter zu machen“.

Im Beisein von Vertretern der speziell dafür eingerichteten Arbeitsgruppen nannte Stibane den vorliegenden Entwurf einen „Wegweiser“, der „kein abgeschlossenes Dokument“ sei. Zugleich drückte sie ihre Hoffnung aus, „dass sich viele Akteure an diesen Kristallisationspunkt anschließen“. Die seit der Fachtagung „Älter werden in Gießen“ im August 2010 laufende Arbeit habe gezeigt, dass Gießen eine Sozialplanung für Senioren brauche. „Dabei sollte die Stadt in der Rolle einer Kümmerin eine Steuerungsfunktion haben.“

Stibane skizzierte die Geschichte der Altenhilfe seit einem Maßnahmeplan aus dem Jahr 1969 und die verschiedenen vom Stadtparlament beschlossenen Fortschreibungen des Altenhilfeplans. Nach dem von der Arbeitsgemeinschaft Gießener Frauenverbände 2009 vorgelegten Thesenpapier „Älter werden in Gießen, Kommunale Altenhilfeplanung als Prozess“ sei eine entsprechende Fachtagung im August 2010 auf großes Interesse in der Bevölkerung, bei Institutionen, Wohlfahrtsverbänden und Vereinen gestoßen. Der anschließende Prozess unter Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppierungen sollte „die gesellschaftliche Realität der ganzen Bandbreite der Lebenswelten älterer Menschen berücksichtigen“. Seit Ende August 2010 hätten fünf Arbeitsgruppen die Themen „Menschen mit besonderen Bedarfen“, „Beratung, Pflege, Betreuung“, „Wohnen“, „Gesundheit und Prävention“, „Bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt“ bearbeitet. Ihre Ergebnisse lagen im Sommer 2012 vor. „Jetzt ist die Stadt in der Lage, zu sagen, was geht oder was nicht geht.“

Nach dem erleichterten Seufzer „Es ist wirklich vollbracht“ dankte Grabe-Bolz den Mitgliedern der Steuerungsgruppe Christine Becker, Inge Bietz, Andrea Kramer und Friederike Stibane für ihre vorzügliche Arbeit. Für die OB liegt mit dem Entwurf ein „Handlungsleitfaden“ und ein „Wegweiser“ vor, der jetzt zur weiteren Beratung in die Gremien des Parlaments eingebracht wird. In einem historischen Rückblick hatte Grabe-Bolz zuvor betont, dass Gießen in Sachen Altenhilfeplan „schon sehr früh“, nämlich 1962, tätig geworden sei. Unter Sozialdezernent und Bürgermeister Lothar Schüler sei 1988 der erste Altenhilfeplan erstellt worden, der 2004 fortgeschrieben wurde. Der jetzt vorgelegte Plan enthalte allerdings „ganz unterschiedliche Perspektiven“, weil so viele Bürger „als Experten in eigener Sache“ einbezogen waren.


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http://www.giessener-allgemeine.de/Home/Stadt/Uebersicht/Artikel,-Aelter-werden-in-Giessen-Altenhilfeplan-uebergeben-_arid,388574_regid,1_puid,1_pageid,113.html#null 



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Diagnose Demenz bei Migrationshintergrund

am 12.11.2012, 14:01 | 

Im Verlauf der Demenz treten als Symptome der Erkrankung z.B. Sprachstörungen, Störungen des Handlungsablaufs und des Wiedererkennens auf. Bei Patienten mit Migrationshintergrund ist die Abgrenzung bei der Diagnose Demenz erschwert, da Sie die deutsche Sprache mit zunehmender Erkrankung „vergessen“. Frau Ernst-Tijero berichtet von ihren Erfahrungen.

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Mapping Frankfurt – Bibliothek der Alten

Von Angela Jannelli, 15.10.2012

Anfang September fand sich unter im Rahmen der “Bibliothek der Alten” eine Gruppe von 16 Personen unterschiedlichen Alters und Herkunft zusammen, die gemeinsam bis zum Jahresende den Workshop “Mapping Frankfurt” bestreiten werden. Ziel dieses von der Psychologin und Sozialarbeiterin Behjat Mehdizadeh konzipierten und geleiteten Biografie- und Erinnerungs-Workshops ist eine “Begegnung mit Frankfurt”, in der die verschiedenen Lebenswege, Erinnerungen und Erfahrungen der Teilnehmer/innen aufscheinen sollen.

Wer bin ich? Woher komme ich? Wie bin ich so geworden, wie ich jetzt bin? Für Behjat Mehdizadeh sind dies zentrale Fragen, die sich  jeder immer wieder stellt. Der Workshop richtet sich in erster Linie an Menschen mit Migrationserfahrung, für die sich diese Fragen besonders häufig stellen. Der Workshop soll Raum und Gelegenheit bieten, diese Fragen nachzugehen und zwar in Begegnung mit der Stadt Frankfurt.

Ende des Jahres werden die Ergebnisse in einer Ausstellung und Lesung in der Bibliothek der Alten vorgestellt. Der Termin wird rechtzeitig bekanntgegeben.

 

 Von Angela Janelli, seit 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Neukonzeption(Frankfurt jetzt, Frankfurt Story). Historisches Museum Frankfurt.

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  Dreiech den 29.09.2012                        Dank Offenbacher- Post


Einblicke in bewegende Biografien.

Sprendlingen - Sie sind auf Hilfe angewiesen, leben zurückgezogen und kommen nicht mehr so oft raus. Die Bewohner des Ulmenhofs sind alt und pflegebedürftig. Was für eine bewegte Vergangenheit hinter vielen von ihnen liegt, geht im Alltag oft unter. Von Cora Werwitzke

Humorvolle Anekdoten kommen nicht zu kurz: Ulmenhof-Bewohnerin Irmgard Wagner (Mitte) erzählt schwungvoll aus ihrer Jugendzeit. Die beiden Altenpflegeschülerinnen notieren mit.

© Werwitzke

Humorvolle Anekdoten kommen nicht zu kurz: Ulmenhof-Bewohnerin Irmgard Wagner (Mitte) erzählt schwungvoll aus ihrer Jugendzeit. Die beiden Altenpflegeschülerinnen notieren mit.

„Wenn ich das Pflegepersonal fragen würde, wer weiß, dass Frau Wagner früher Krankenschwester war, würde sich wahrscheinlich keiner melden“, schätzt Reinhold Wischnewski. Der Leiter des Seniorenzentrums hat Irmgard Wagner eine Weile zugehört, als sie vor Auszubildenden von ihrer Zeit beim Roten Kreuz erzählte.

Biografiearbeit nennt sich das Thema, das 16 Azubis an ihrer Frankfurter Altenpflegeschule „Kommit“ gerade durchnehmen – eine Woche lang theoretisch, jetzt im Dreieicher Ulmenhof praktisch. Mit den Bewohnern reisen sie in die Vergangenheit, machen Notizen und haken nach. Die Lebensgeschichten sollen später dabei helfen, in der Pflege noch besser auf die Senioren einzugehen. Doch das ist nicht alles: „Biografiearbeit hilft uns, nicht nur den Patienten, sondern auch den Menschen zu sehen“, sagt Silvio Sickor. Man merkt dem Auszubildenden an, dass das kein abgedroschener Satz aus dem Lehrbuch ist. Für alle 16 Azubis, die aus verschiedenen Häusern kommen, ist das Projekt eine neue Erfahrung. Albert Veillet lernt im Ulmenhof, hat also Heimvorteil. „Es ist Wahnsinn, wie sich die Sicht auf die Leute verändert, wenn man sie kennenlernt“, sagt er. Viele seien ganz anders, wenn sie Vertrauen gefasst hätten.

Schwungvoll erzählt: Zeit vorm Krieg

Irmgard Wagner erzählt schwungvoll aus der Zeit vorm Krieg: „So schmutzige Hände wie auf dem Feld, wollte ich nicht mehr haben, deshalb ging ich als Lehrling ins Büro.“ Im Pflichtjahr musste sie dann doch wieder aufs Land – „Melken lernen“, sagt sie, „dabei hatte ich so Angst vor Kühen.“ Sie gestikuliert, lacht, drei Azubis und zwei weitere Seniorinnen schmunzeln. Doch es wird auch ernst: „Beim Roten Kreuz musste ich gleich mit in den OP, die haben mir da ein amputiertes Bein gegeben, das musste ich rausbringen.“ Die Seniorin erzählt solche Kriegserlebnisse routiniert. Vieles könne man sich heute nicht mehr vorstellen, sagt sie. „Wenn ich nachts nicht schlafen kann, kommt mir das oft in den Kopf.“

Anne-Jaqueline Kick sitzt ihr gegenüber. Die gebrechlich wirkende alte Frau hört nicht mehr gut. Mit lauter Stimme fragen die Azubis nach ihrer Schulzeit. Verschmitzt verrät die Seniorin, dass sie in ihren Lehrer verliebt war – „ein schicker Mann.“ Mit 16 arbeitete sie für L’Oreal in Paris, später lebte sie in Brasilien.

Erzählcafé nennt sich die Methode

Erzählcafé nenne sich die Methode in diesem Raum, erläutert Lehrerin Silvia Ernst-Tijero von der Altenpflegeschule. „Man redet über das, was einem gerade einfällt.“ Zielgerichteter gehe es bei der „Schatzkiste“ zu: „Die Senioren bringen persönliche Gegenstände mit.“ Azubi Jennifer Tobisch hat ein Einzelgespräch mit dieser Methode geführt. „Ich habe gesehen, dass die Dame einen Ring trug und sie danach gefragt.“ Es sei ihr Ehering gewesen, schildert die angehende Altenpflegerin. „So hat sich das Gespräch hin zu ihrem Mann entwickelt, dann zu Kindern und schließlich zu ihrer eigenen Kindheit.“

Einen Raum weiter steht das frühere Berufsleben im Fokus. Georg Frank war Maschinenbauingenieur. Präzise beantwortet der alte Mann im Rollstuhl die Fragen der jungen Interviewer. „Ich hatte mit Textilmaschinen zur Herstellung von Fäden zu tun.“ Zu seiner Linken meldet sich eine Dame – ebenfalls im Rollstuhl – zu Wort: „Dann haben Sie ja ein Schweinegeld verdient.“ Ingeburg Franke ist nicht auf den Mund gefallen. Es stellt sich heraus, dass sie früher als Elektrikerin arbeitete. „Ein Männerberuf, aber es war nichts anderes frei.“

So eine lapidare Antwort bringt auch Heimleiter Wischnewski zum Schmunzeln. Biografiearbeit sei eine sinnvolle Sache und auf dem Vormarsch, merkt er später an. Im Pflegealltag schwinge das mit, aber lange nicht so intensiv wie diese Woche – „dafür braucht’s mehr Personal“, sagt er. Diesmal klingt es bei ihm lapidar.


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Frankfurt, den 23. September 2012

                        

 

Pressemitteilung


Kommit -  Internationales Bildungszentrum Rhein - Main für Pflegeberufe

              

                                         Die Vergangenhiet zum Greifen nah


Schüler des Ausbildungskursus AP3a des Bildungszentrums Rhein-Main für Pflegeberufe kommit führen in einem Projekt mit Bewohnern des Phönix Seniorenzentrum Ulmenhof in Dreieich – Sprendlingen Biografiearbeit in der Pflegepraxis durch. Betreut werden sie durch ihre Kursleiterin Frau  Silvia Ernst-Tijero.

 

Die Schüler werden in der Woche vom 24. September 2012 bis 28. September 2012 Bewohner des Seniorenzentrums über Ihre Kindheit, Jugend, Schule, Ausbildung, Beruf und Ehe interviewen. Hierbei werden die Bewohner mit Hilfe von Methoden zur biografischen Erinnerungsarbeit wie Erzählcafé, Schatzkiste, Erinnerungskoffer, Lebensbuch und Stammbaum zum biografischen Erzählen aufgefordert.

 

Am 24. September 2012 ist ein informelles Treffen mit den teilnehmenden Bewohnern des Phönix Seniorenzentrum Ulmenhof und den Schülern des Ausbildungskursus AP3a geplant. Hierbei verteilen die Schüler Einladungen an die Bewohner, um diese zur Mitarbeit zu gewinnen.

Die konkrete Biografiearbeit mit den teilnehmenden Bewohnern erfolgt jeweils vormittags zwischen 10:00 Uhr und 12:00 Uhr am 25., 26., und 27. September 2012. Ausgenommen hiervon sind zwei Einzelgespräche, die auf Wunsch des jeweiligen Bewohners nachmittags gegen 14:00 Uhr erfolgen. Die Nachmittage dienen zur Aufarbeitung und Reflektion der biografischen Erzählungen der Bewohner des Phönix Seniorenzentrum Ulmenhof durch die Schüler des AP3a mit Hilfe ihrer Kursleiterin. Während des gesamten Projekts wird stets auf die Einhaltungen des Datenschutzes geachtet. Biografiearbeit in der Pflegepraxis verpflichtet sensibel mit sehr persönlichen Daten umzugehen.

 

Biografiearbeit in der Pflegepraxis findet heute in der aktivierenden Pflege immer größere Bedeutung. Bei einer biografischen Informationssammlung geht es um die Erfassung von für die Pflege wichtige Aspekte der Lebensgeschichte. Gewohnheiten, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sich ein Mensch in seiner Jugend und während seines Berufslebens angeeignet hat, können entweder weiter ausgeübt oder wieder aktiviert werden, und führen zu mehr Lebensqualität im Alter. Hierzu zählen auch passende Beschäftigungsangebote, die Bezug auf die Biografie des Bewohners nehmen.

 

Erlebnisse und Gefühle aus der Vergangenheit spielen im Alter oft eine große Rolle. Begebenheiten aus der Kindheit, Jugend, Ehe und Beruf der Bewohner beeinflussen das heutige Verhalten jener stark. Einblicke in den Lebensweg eines alten Menschen fördern das Verständnis beim Pflegepersonal und sind somit von großer Bedeutung für die aktuelle tägliche Pflege- und Betreuungssituation.

 

Ein Beispiel: Welche entscheidenden Ereignisse und/oder Krisen hat Bewohner/Bewohnerin Mustermann/Musterfrau in Seiner/Ihrer Kindheit, Jugend, Ehe und Beruf erlebt? Wie hat Er/Sie versucht, mit diesen Belastungen fertig zu werden? Hat Er/Sie resigniert, vermied Bewohner/Bewohnerin Mustermann/Musterfrau jegliche Auseinandersetzungen oder versuchte Er/Sie die Probleme alleine oder gemeinsam (mit den Betroffenen) zu lösen?

Das Wissen um solche verhaltensprägende Ereignisse fördern das Verständnis beim Pflegepersonal.

 

Am Freitag den 28. September 2012 findet von 10:00 Uhr bis 12:00 Uhr eine Abschlussfeier in den Räumen des Phönix Seniorenzentrums Ulmenhof statt, wo jedem teilnehmenden Bewohner, der seine Vergangenheit zum Greifen nahe gebracht hat, ein Lebensbuch von den Schülern des Ausbildungskurses AP3a des Bildungszentrums Rhein-Main für Pflegeberufe kommit überreicht wird.

 

f.d.R.

Heinrich Joh. Schlüter

Schüler des AP3a
























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Informationsveranstaltung.
Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG).
In Kooperation mit der Landesgruppe Hessen.
Einführung. Am 30.10.2012


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Die Neuerungen, die das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG) mit sich bringt, treten zum 1. Januar 2013 in Kraft. Die Bundesregierung möchte mit diesem Gesetz auf den demogra-fischen Wandel und die Herausforderungen der Pflege in der Zukunft reagieren. Für die ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen stellt sich die Frage, was sich konkret verändern wird. Welche Hürden müssen von den Verantwortlichen dieser Einrichtungen genommen, welchen Fallstricken muss ausgewichen werden? Zu diesem Zweck haben wir für diese Veranstaltung kompetente Referenten gewinnen können, die Sie umfassend über die Kerninhalte informieren werden...


Dank Info: www.bv-pflegemanagement.de


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